Gelebter Brauchtum:
Schweizer Traditionen
Ob in den Rebbergen, auf der Alp oder auf dem Dorfplatz – Schweizer Traditionen verbinden Generationen und erzählen von Handwerk, Gemeinschaft und regionaler Identität. Trachten, Alpabfahrt, die Weinlese und kunstvoll geflochtene Zwiebelzöpfe sind bis heute lebendige Ausdrucksformen dieses kulturellen Erbes.
GARTEN: Zwiebelzöpfe

«Ich verbinde mit dem Zwiebelzopf gesellige Nachmittage mit den Landfrauen aus meinem Bezirk.»
Der Zwiebelzopf bietet optimale Bedingungen, um Zwiebeln aufzubewahren, da die Zwiebeln im Zopf gut belüftet werden und durch das enge Anbinden ihrer Stiele weniger ausschlagen. Zwiebelzöpfe wurden früher aber nicht nur zur Haltbarkeit und Dekoration geflochten, man glaubte in gewissen Regionen, dass die besondere Kraft der Zwiebeln Krankheiten aus Haus und Stall fernhalten kann.
Um einen Zwiebelzopf herzustellen, werden die Zwiebeln zuerst getrocknet und geputzt. In die Mitte des Zopfes setzt man einen dünnen Haselzweig oder ein Chinaschilfrohr, um das die Zwiebeln sehr satt einzeln mit Bast oder Schnur gebunden werden. Immer vier gleich grosse Zwiebeln bilden einen Kranz, auf den der nächstgrössere gesetzt wird. Am Ende wird der Zopf mit einem Sträusschen aus Trockenblumen und Bändern dekoriert.
Die Landfrauen aus meinem Bezirk haben vor einigen Jahren ein Zwiebelzopfprojekt gestartet. Wir flechten jedes Jahr in vielen arbeitsreichen aber geselligen Stunden Zwiebelzöpfe, die wir an Erntedankfesten und lokalen Märkten verkaufen. Der Erlös dieses Projekts kommt der ländlichen Familienhilfe der Zürcher Landfrauenvereinigung zugute.
NACHHALTIGKEIT: Weinlese

«Für mich als Weinbäuerin sind die Vendanges die schönste Zeit des Jahres. Nach Monaten der Arbeit in den Reben kommen Familie, Freunde und Helfer zusammen. Es wird gemeinsam gearbeitet, gelacht und gefeiert – genau das macht diese Zeit so besonders.»
In der Romandie wird die Weinlese Vendanges genannt. Sie ist weit mehr als das Ernten reifer Trauben: Sie ist der Abschluss eines arbeitsreichen Jahres und zugleich der Beginn eines neuen Weinjahrgangs. Über mehrere Tage, manchmal sogar Wochen, herrscht reges Treiben in den Rebbergen. Gemeinsam werden die Trauben gelesen und die Früchte eines ganzen Jahres Arbeit eingebracht.
Traditionell erfolgt die Weinlese von Hand. Mit der Rebschere schneiden die Erntehelfer Traube für Traube ab und legen sie sorgfältig in Kisten. Anschliessend werden die Trauben rasch in den Weinkeller transportiert, wo ihre Verarbeitung beginnt – vom Pressen über die Gärung bis hin zum Ausbau des neuen Weins.
Doch die Vendanges sind nicht nur von harter Arbeit geprägt. Sie sind auch ein Fest der Gemeinschaft. Nach einem langen Tag in den Rebbergen versammeln sich alle an einem grossen Tisch, um regionale und saisonale Spezialitäten zu geniessen. Es wird erzählt, gelacht und auf den neuen Jahrgang angestossen – eine Tradition, die seit Generationen fester Bestandteil des Weinbaus ist und bis heute Menschen verbindet.
GESUNDHEIT: Trachten

«Die Berner Tracht ist gelebte Tradition. Ein Meisterstück des Handwerks, das unsere Herkunft mit jedem Stich ehrt und von Generation zu Generation weitergeht.»
Schon als Kind faszinierte mich die Berner Tracht. Die schönen Stoffe, feinen Stickereien und die gelebte Tradition weckten in mir den Wunsch, eines Tages selbst eine Tracht zu besitzen. In der Kindertanzgruppe der Trachtengruppe Schüpfen und Umgebung durfte ich diese Welt früh kennenlernen. Nach meiner Schulzeit wuchs der Wunsch nach einer eigenen Tracht – und so trat ich der Gruppe bei.
Mit viel Geduld und Liebe nähte ich meine Tracht nach Anleitung von Trachtenschneidern aus der Region. Jeder Stich erzählt von Handwerkskunst und Verbundenheit mit unserem Brauchtum. Besonders machen sie auch der handgefertigte Silberschmuck aus einem regionalen Filigranatelier und der Haubenspitz, den eine Klöpplerin in vielen Stunden aus dem Schweif eines schwarzen Pferdes fertigte.
Die Berner Tracht ist für mich weit mehr als festliche Kleidung. Sie steht für Heimat, Geschichte und Tradition und verbindet Menschen über Generationen hinweg.
In der Trachtengruppe Schüpfen lebe ich dieses Erbe gemeinsam mit meinem Mann und meiner Tochter beim Tanzen, Singen und Theaterspielen. Als langjähriges Mitglied der kantonal-bernischen Tanzkommission durfte ich zudem als Tanzleiterin Kurse und Trachtenfeste begleiten und Tänze weitergeben.
So ist die Berner Tracht für mich ein Stück Herz, Heimat und gelebte Tradition – und die Erfüllung eines Kindertraums.
REZEPT: Alpabfahrt

«’He, he, he – chum Buschä, chum!‘ Gerade in diesen Tagen hört man diese Rufe bei uns im Tal überall. ‚Heifahrä‘, so nennen wir bei uns die Alpabfahrt. Es ist die schönste Zeit im Jahr!.»
Dieser Brauch begleitet mich seit meiner frühesten Kindheit. Sobald mich meine Beine trugen, war ich dabei. Es hat bis heute seinen Zauber nicht verloren.
Nach einem hoffentlich guten Alpsommer kehrt das Vieh im Herbst auf die Heimbetriebe zurück. Dafür wird das Vieh festlich geschmückt und zusammen mit den Älplern und Helfern ziehen sie gemeinsam ins Tal. An einigen Orten sind die Alpabzüge zu einem richtigen Touristenmagnet geworden.
Wir dürfen dieses besondere Erlebnis sogar zweimal im Jahr feiern. Da wir einen Drei-Stufen-Milchwirtschaftsbetrieb führen, fahren wir zuerst von der Alp Jänzimatt ins Berggut Iwi. Nach gut einem Monat Weidezeit geht es dann ein zweites Mal «hei» zurück auf unseren Talbetrieb im Kleinteil. Deshalb findet unser Heifahrä in einem etwas schlichteren Rahmen statt.
Das Gefühl, dass sich bei mir immer beim «heifahrä» einstellt lässt sich nur schwer beschreiben. Einerseits ist da die Freude, dass das Vieh nun wieder heimkehrt. Andererseits nimmt man ein Stück dieser grenzenlosen Freiheit, die man nur auf der Alp spüren kann, mit nach Hause – da gahd eim s’Herz uif! Am stärksten aber ist die Dankbarkeit, dass wir diese schöne Tradition leben dürfen, das ist ein Stück Heimat.






