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Tiefstpreise und der zerstörerische Ernährungskreislauf

Anne Challandes | Watson, 14. Juni 2026

Der Preiskrieg im Einzelhandel scheint keine Grenzen zu kennen. Die jüngste Ankündigung eines Discounters, noch stärker auf Tiefstpreise zu setzen, lässt aufhorchen. Wie tief können die Preise noch fallen und welche Folgen hat das?

(Bild: Watson)

Das Szenario ist mittlerweile gut bekannt: Senkt ein Anbieter die Preise und macht grosses Tamtam darum, ziehen die Konkurrenten sofort nach. Zuletzt war dies beim Brotpreis im vergangenen Herbst zu sehen. Anders sieht es aus, wenn es darum geht, Massnahmen in Richtung Nachhaltigkeit oder Ethik zu ergreifen – da passiert gar nichts, nach dem Motto: «Wer als Erstes einen Schritt macht, hat verloren!»

Auf den ersten Blick mag diese zerstörerische Spirale den Konsumentinnen und Konsumenten zugutekommen. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter aber eine beunruhigendere Realität: eine schleichende Entwertung unserer Lebensmittel – und damit auch der Arbeit unserer Bauernfamilien.

Und das, obwohl die Erwartungen der Bevölkerung an eine nachhaltige, qualitativ hochwertige Produktion, die Umwelt und Tiere respektiert, stetig steigen. Und obwohl Bauernfamilien, Produzentinnen und Produzenten genau hinhören und alles daransetzen, den Wünschen gerecht zu werden.

Es gibt also ein offensichtliches Paradoxon: eine bewusste Negierung des Mehrwerts.
Anstatt all das zu zerstören, was die Qualität und Nachhaltigkeit der Schweizer Produktion ausmacht und sie gegenüber importierten Produkten abhebt, wäre die Niedrigpreisstrategie deutlich sinnvoller, wenn sie darauf ausgerichtet wäre, die von den Konsumentinnen und Konsumenten geschätzten Qualitäten zu erhalten und den Bauernfamilien bessere Preise zu sichern.

Keine Auswirkungen auf die Produzentenpreise? Ein Trugschluss!
In diesem Klima verschärfter Konkurrenz verteidigen sich die Händler nacheinander damit, keinen Druck auf die Produzentenpreise auszuüben. Es ist an der Zeit, diese Heuchelei zu beenden.

Es ist längst bekannt, dass der Druck früher oder später auf den Lieferanten und damit auch auf den Produzentinnen und Produzenten lastet, die ohnehin schon Mühe haben, ihre Produktionskosten zu decken und ein anständiges Einkommen zu erzielen. Dieses Phänomen zeigt sich derzeit auch in den laufenden Verhandlungen, auch wenn einige Akteure versuchen, Preissenkungen mit anderen Gründen zu rechtfertigen.

Verantwortung zeigen
In einem unsicheren Klima, in einer Welt im Umbruch und angesichts überall steigender Kosten wird Ernährung oft, zu Unrecht, zur Variablen, an der gespart wird. Die Preissensibilität nimmt zu und wird zum entscheidenden Faktor bei Kaufentscheidungen – auch wenn dabei die Nebeneffekte von Tiefstpreisen ausser Acht gelassen werden.

Natürlich spielt der Preis für Lebensmittel für Menschen mit geringem Einkommen eine grössere Rolle. Essen konkurriert dann mit anderen Ausgaben der Familien: Mieten, Versicherungen, Verkehr, Kommunikation und Freizeit. Die Aufteilung der verschiedenen Posten im Familienbudget wird zu einem echten Kopfzerbrechen.

Für die Mittel- und Oberschicht lässt sich der Einfluss der Lebensmittelkosten auf das Budget hingegen relativieren. Insgesamt machen Ausgaben für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke etwas mehr als 6 Prozent des Haushaltsbudgets aus. Zum Vergleich: Das ist weniger als der Anteil für Transportkosten und nur knapp mehr als der für Freizeit und Kultur. Proportional ist das etwa die Hälfte des durchschnittlichen Lebensmittelbudgets in Frankreich.

Lebensmittel haben in unseren Ausgaben proportional noch nie so wenig Anteil gehabt. Gesund zu essen verdient trotzdem seinen Preis. Auch wenn es schon fünf vor zwölf ist, ist es noch nicht zu spät, dafür zu sorgen, dass unsere Ernährung nicht zu einem blossen Konsumgut wird – abgewertet und unattraktiv, mit anderen Worten: «einfach nur Futter».

Geben wir dem Akt des Essens wieder seine volle Qualität, seinen Geschmack, seinen sozialen und genussvollen Charakter! Und behalten wir als Konsumentinnen und Konsumenten im Hinterkopf, dass unsere Kaufentscheidungen auch die Art der Produktion bestimmen. Verantwortungsvoll und konsequent einzukaufen ist letztlich der Schlüssel zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und gesunder Ernährung.

Information: Röstibrücke

Jeden Sonntag lädt watson Persönlichkeiten aus der Romandie ein, um aktuelle Ereignisse zu kommentieren oder ein Thema ins Licht zu rücken, das sonst zu wenig Beachtung findet.
Mit dabei: Nicolas Feuz (Schriftsteller), Anne Challandes (Präsidentin Schweizerischer Bäuerinnen- und Landfrauenverband SBLV und Vizepräsidentin Schweizer Bauernverband), Roger Nordmann (Berater, ehem. SP-Nationalrat), Damien Cottier (FDP), Céline Weber (GLP), Karin Perraudin (Groupe Mutuel, ehem. CVP), Samuel Bendahan (SP), Ivan Slatkine (Verleger) und die QoQa-Otte.

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